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Oskar Bider (12.7.1891 – 7.7.1919)

Ein Überblick

Oskar Bider hat in der Geschichte der Schweizer Luftfahrt Marksteine gesetzt. Als der junge Kavallerist Oskar Bider im Herbst 1910 vom tragischen Ende des Peruaners Geo Chavez vernahm, der nach erfolgreichem Überfliegen des 2000 m hohen Simplonpasses in Domodossola aus den Trümmern seines Flugapparates geborgen wurde und darauf verstarb, beschloss Bider, Flieger zu werden. Jedoch behielt er diesen kühnen Plan für sich.

Er verbrachte ein Jahr auf einer Farm in Argentinien, von wo er einem Freund in der Heimat schrieb: „Wenn ich nicht Flieger werden kann, muss Argentinien meine zweite Heimat werden“.

Er kam zurück und wurde Flieger, und zwar der bedeutendste seiner Zeit.

Über Bider sind Bücher geschrieben und Zeitungsartikel veröffentlicht worden. Sie befassen sich hauptsächlich mit dem "Aviatiker" Bider.

Bei den folgenden Kapiteln geht es darum, neben dem Aviatiker auch den Menschen Oskar Bider und seine Verbundenheit mit seiner Familie und mit Langenbruck darzustellen. Dies geschieht aufgrund eines regen Briefverkehrs, den Bider mit seinem Grossvater in Langenbruck und mit Onkel und Tante in Liestal geführt hat.

Oski's Lehr- und Wanderjahre

1910 besuchte Oski - so nannte er sich in den Briefen - die landwirtschaftliche Schule Rütti bei Bern. Er wollte Bauer werden. Man darf annehmen, dass dieser Berufswunsch unter anderem auf die Suche nach einer ungebundenen Tätigkeit in der freien Natur zurückzuführen ist, denn Oski stammte weder aus einer Bauernfamilie, noch hatte er sich bisher mit landwirtschaftlichen Problemen auseinandergesetzt. Anfangs April 1911 absolvierte er die Kavallerie-Rekrutenschule in Zürich.

Nach dem Tode seines Vaters reiste er per Schiff von Genua nach Buenos Aires, wo er am 9. Juni 1911 eintraf.

Der Drang in die Ferne, Abenteuerlust und wohl auch der Wille, etwas Aussergewöhnliches zu erleben, mögen die Triebfedern seiner Handlung gewesen sein. Jedenfalls sagte ihm der Aufenthalt auf der Farm eines Bekannten, der Schweizerfamilie Huber, in Romang zu. Romang beschreibt er als ein Städtchen mit 20'000 Einwohnern in der Provinz Santa Fe. Das Reiten über die sanftgewellten, weiten Ebenen, den Pampas, begeisterte ihn und seiner Schwester Leni erzählt er in den Briefen von einer möglichen Tigerjagd im Norden, von Heuschrecken und staubigen Strassen. "Reiten kann ich soviel ich mag; spanisch verstehe ich schon ziemlich viel".

Daneben beschäftigt ihn auch das Schicksal des Peruaners Leo Chavez, der im September 1910 bei Domodossola tödlich abgestürzt war.

In einem Brief aus Rom an Leni, am 18. August 1911, teilt er ihr mit, "... dass ich im Sinne habe, die Fliegerschule durchzumachen". Und am 28. November 1911 teilt er Leni mit, dass er bald die Rückreise antreten werde.

Bei seiner Ankunft in Basel stand sein Wunsch, Flieger zu werden, fest. Begreiflich, dass die Verwandten dagegen waren, denn Flieger sein hiess, sich in Geräten aus Leinwand und Holz der Luft anvertrauen. Fliegen war nicht nur abenteuerlich, es war lebensgefährlich. Oski legte noch eine "Verschnaufpause" ein, er arbeitete auf einem Bauernhof in Münsterlingen/TG. Doch seine Gedanken hafteten nicht mehr am Boden. Deshalb packte er seine Sachen und meldete sich am 8. November 1912 in der Fliegerschule Blériot in Pau, Südfrankreich.


Der Aviatiker

In Pau, am Fusse der Pyrenäen, betrieb Blériot eine Flugschule. Louis Blériot war Flugzeugkonstrukteur und Flieger. Er hatte als Erster 1909 den Ärmelkanal überflogen. Für damalige Zeiten ein Riesensprung. Begreiflich, dass junge flugbegeisterte Menschen nach Pau eilten.

Bei Oski ging alles sehr schnell. Nach ersten Rollversuchen und kurzen Luftsprüngen erfolgte nach wenigen Tagen der erste Flug. Schon am 8. Dezember 1912 war er Besitzer des schweizerischen Flugbrevets Nr. 32 und noch vor Jahresende erwarb er das französische Brevet Nr. 1194.

In einem Brief an den Grossvater vom 9. Januar 1913 schrieb er:
"Wie Du weisst, bin ich nun Aviatiker. Du wirst wahrscheinlich auch nicht sehr erfreut sein, letzteres zu wissen. Und doch glaube ich, dass ich nicht so sehr Unrecht hatte, als ich zur Aviatik überging, denn ich bin dazu geschaffen, was ich bis jetzt ersehen konnte. Ich freue mich, Dir schreiben zu können, dass ich auch sehr glücklich bin, seit ich zur Aviatik übergegangen bin".

Und am 27. Dezember 1912:
"Ich habe bei Blériot einen Apparat bestellt. Zweiplätzer, 70 PH, macht 110 km in der Stunde... Der Direktor sagte mir, er habe noch keinen gehabt wie ich und er glaubte, ich habe vorher schon geflogen".
Eigenhändig malte er auf das Seitenruder den Baselbieter-Stab und den Namen Langenbruck.

Am 9. Januar 1913 schrieb er an Onkel Glur aus Pau:
"Sobald das Wetter es erlaubt, werde ich meinen geplanten Flug Pau -Madrid versuchen auszuführen. Mein Apparat erlaubt mir das. Denselben halte ich tadellos in Stand und an Stelle des Passagiers habe ich für diese Reise ein Benzinreservoir platzieren lassen. Somit kann ich 165 l Benzin und 40 l Öl mitführen, was mir erlaubt, die Strecke Pau - Madrid 500 km ohne Zwischenlandung durchzuführen."

Er hatte diesen Flug, wie alle seine Unternehmungen, gut vorbereitet. So war er mit der Eisenbahn von Pau nach Madrid gereist, um sich auf der Fahrt alle markanten Geländeformationen einzuprägen.

Er startete am 24. Januar 1913. Bericht an Onkel Glur:
" Um 6.45 morgens, bei Mondschein, fing mein 70 PH zu surren an. Ein Händedruck meiner Freunde und schon schwebte mein kleiner Vogel dem sternenbedeckten Himmel entgegen1".
Gegen Abend, nach einer kurzen Zwischenlandung in Guadalajara erreichte er Madrid. Der Flug dauerte 5 Stunden 32 Minuten.

Dieser Flug, knapp zwei Monate nach der Pilotenausbildung, machte ihn schlagartig berühmt. Die Zeitungen in aller Welt berichteten über diesen waghalsigen Flug. Im Brief an Onkel Glur vom 9. Februar 1913 aus Madrid begründete er dieses Wagnis:

"Warum habe ich den Flug über die Pyrenäen gewagt? Für die Schweiz. Was er mir kostet, weiss nur ich. Aber ich hoffe, der Schweiz mit meinem neuen Beruf gute Dienste leisten zu können. Sandreuter hat mir einen schönen Brief geschrieben". (Sandreuter war Pfarrer in Langenbruck von 1905-1913, hernach in Frenkendorf).
Seinem Bruder Georg hatte er schon am 26. Februar 1912 anvertraut:
"Ich habe nun bereits einen Apparat bei Blériot bestellt... Der Preis ist 20 000 Franken. Ich muss nun einige Papiere verkaufen ...".

1913 - ein Biderjahr

Mit dem Pyrenäenflug hatte er sich in die Elite der internationalen Fliegergilde eingereiht. Im März kehrte er in die Schweiz zurück und schon am 9. März 1913 führte er anlässlich des zweiten Basler Flugtages den ersten schweizerischen Postflug von Basel (Schützenmatte) nach Liestal (Gitterli) aus. Sein Bruder Georg flog mit. Weitere Flüge mit Passagieren folgten; der Ertrag kam der Nationalspende zur Schaffung einer schweizerischen Militäraviatik zugute. Für diese Spende, für die Popularisierung der Fliegerei, setzte er sich voll ein. An Flugtagen allerorten, u.a. in Basel, Aarau, Bern warb er für die Fliegerei. In Liestal fand ein solcher Flugtag am 27. April 1913 statt.

In der BZ vom 28. April 1913 steht zu lesen: "Kurz nach zwei Uhr stieg Herr Bider zum ersten Fluge auf, vom Gitterli gegen den Grammont abbiegend und in weiter Schleife Höhe gewinnend, um dann rings um den ganzen Stadtbezirk zu kreisen. Die Stadtmusik, die sich mitten auf dem Exerzierfeld postiert hatte, begleitete den Aufstieg mit einem schneidigen Marsch und begrüsste den Flieger nach der Landung mit der Nationalhymne. In kurzen Zwischenräumen folgten die weitern Aufstiege... Auf der Rückfahrt von Rheinfelden (wohin er die Post gebracht hatte) setzte sich Herr Rektor Glur aus Liestal, Bider's Onkel, auf den Passagiersitz und liess sich in wunderschöner Luftfahrt erst über den Rhein und dann nach Liestal zurücktragen...".

Nur zwei Tage später, am 30. April war in der BZ zu lesen. "... Wenige Minuten vor 3 Uhr erschien der Apparat über der Höhe des Kräheck, fuhr unter einem sonnigblauen Himmel in grossem schönem Bogen über den Talkessel und landete glatt und sicher auf dem Platze. Die Musik intonierte einen Begrüssungsmarsch, ein vielhundertstimmiges Bravorufen und Zujubeln ertönte, und dann drängte die Menge zum Apparat hin. 0. Bider und seine Schwester Helene stiegen aus, und nun folgte ein freudiges Begrüssen und herzliches Händedrücken bei Verwandten und Bekannten, ein Betrachten und Bewundern des Apparates und seiner Passagiere von Seiten der Menge".

Unermüdlich flog Bider auf seinem Blériot, ein Verkünder einer neuen Zeit. Er flog sich in die Herzen der Schweizer. Dabei war er nicht der einzige Flugpionier. Es gab andere verdiente Pioniere wie Real, Audemars, Comte, Durafour. Aber wann und wo auch immer ein Flugzeug am Horizont auftauchte und über Dörfer hinwegsurrte, war es "der Bider".
Sein grösster Wunsch, die Überquerung der Alpenkette, bewegte ihn immer mehr. Er bereitete sich systematisch und gewissenhaft darauf vor. Mit Höhen- und Dauerflügen erwarb er sich Erfahrungen im Benzin- und Ölverbrauch, über Luftturbulenzen und die Steigfähigkeit der Maschine. Am 13. Mai 1913 überflog er den Wildstrubel und landete in Sitten. Ein erster Anflug auf die Jungfrau glückte nicht, weil der schwache Gnöme-Motor in der dünnen Luft die nötige Tourenzahl nicht hergab. Bider änderte deshalb seine Pläne und sah eine Zwischenlandung in Domodossola zur Treibstoffaufnahme vor, so konnte er die Last vermindern und vor den Alpen Höhe gewinnen.

Die BZ vom 15. Juli 1913 schrieb über diesen ersten Alpenflug:
"Unerwartet für die weitesten Kreise hat der Schweizer Oskar Bider Sonntag, den 13. Juli, die Alpen überflogen. Er hat die 230 km lange Strecke von Bern nach Mailand, mit einer kurzen Landung in Domodossola, von morgens 4 Uhr 8 Min bis um 8 Uhr 42 Min, also in 4 1/2 Stunden, durchflogen und hat, wenn man die notwendigen Schleifen mitberechnet, eine Entfernung von 280 km durcheilt. Die Hochalpen durchquerte er genau in der Mittellinie zwischen der Jungfrau (4166 m) und dem Mönch (4105 m). Dann übersetzte er das breite Rhônetal und überflog sodann östlich vom Monte Leone den südlichen Teil der Walliseralpen. Nie zuvor hat man eine ähnliche Leistung eines Aviatikers registriert. Bider hat sich dabei selbst übertroffen, denn er war es, der vor kurzem die Pyrenäen überflog".

Mit diesem Flug wurde Bider in der Welt der bekannteste, im eigenen Land der populärste Flieger. Der Bundesrat ehrte ihn mit einem goldenen Chronometer. An Weihnachten desselben Jahres erzielte Bider mit seinem Direktflug Paris - Bern einen neuen schweizerischen Distanzenrekord, war er doch vier Stunden und zwanzig Minuten lang in der Luft gewesen.

Fluglehrer - Chefpilot - Todessturz

Am 1. August 1914 rückten auf dem Beundenfeld in Bern die damaligen Aviatiker, unter ihnen Bider, mit ihren eigenen Flugzeugen ein. Bider, als Kav.Kpl., wurde nach einigen Monaten Leutnant und Fluglehrer. Er übernahm die Ausbildung der neuen Piloten, wurde Oberleutnant und Chefpilot. Das Ende des Krieges zwang den Piloten, sich nach einer zivilen Tätigkeit umzusehen. Bider wollte mit seinen Fliegerkameraden, darunter war auch der spätere Div. Rihner, eine Fluggesellschaft gründen, die "Ad Astra". Am 2. Juli 1919 nahm er seinen Abschied bei der Fliegertruppe, am 7. Juli wollte er nach Varese reisen, um das erste für "Ad Astra" bestimmte Flugboot zu übernehmen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Kurz nach 6 Uhr am Morgen des 7. Juli war Bider mit dem Jagdeinsitzer "Nieuport 21" in Dübendorf gestartet. Wenige Minuten später bohrte sich der Doppeldecker auf dem Gelände des Flugplatzes in den Boden - dem Piloten war es nicht mehr gelungen, sein Flugzeug aus einer Vrille aufzufangen.

Divisionär Rihner berichtete über den für das ganze Schweizervolk unfassbaren Absturz:

"Bider liess sich von sogenannten guten Freunden einladen, vor der Abreise mit ihnen einen fröhlichen Abend zu verbringen. Das war an und für sich nichts Schlimmes, aber Bider liess sich leider dazu überreden, noch vor der Abreise eine Demonstration seines Könnens zu offerieren. Bider, der sonst so Beherrschte, der immer genau zwischen Pflicht und Amusement zu unterscheiden wusste, der sich bis anhin nie hatte dazu verleiten lassen, in nicht ganz nüchternem Zustand zu fliegen, der immer mit dem guten Beispiel korrekter Pflichterfüllung vorangegangen war, liess sich dazu verleiten, am frühen Morgen des 7. Juli 1919 diese Akrobatik-Demonstration durchzuführen, die ihm sein Leben kosten musste. Viel Ungereimtes ist damals herumgeboten worden, schlicht und einfach ist leider die Tatsache, dass unser verehrter Meister, der weltberühmte Pyrenäen- und Alpenbezwinger, unser vorbildlicher Freund und Kamerad, durch ein kurzes persönliches Versagen sein junges Leben verloren hat".

Zwei Tage später wurde der weltberühmte Flieger in Langenbruck, zusammen mit seiner Schwester Leni, beigesetzt. Sie hatte, vom Schmerz überwältigt, ihrem Leben freiwillig ein Ende gesetzt. Die Beerdigung fand am 10. Juli 1919 unter Teilnahme der ganzen Öffentlichkeit statt.
 

 
  

Ein anderer "Aviatiker", Ballonfahrer Eugen Dietschi, der Bider persönlich begegnet war, schrieb in der Nationalzeitung vom 6. Juli 1969:
"Was an der Persönlichkeit Biders faszinierte, war seine gewinnende Natürlichkeit und Bescheidenheit. Die Wellen der Begeisterung, die ihm, dem Abgott des Volkes, entgegenschlugen, vermochten seine Schlichtheit nicht ins Wanken zu bringen. Dass er der einfache und treuherzige Bauer blieb, war das Geheimnis, warum ihn das Volk verehrte, liebte und ihm vertraute. Biders Wesen war eine eigentümliche Mischung von weltmännischer Aufgeschlossenheit und verträumter Weltfremdheit. Er strotzte vor Lebensmut und Lebenskraft, die jedoch eine verborgene Melancholie aufrieb. Er anerkannte rückhaltlos die Verdienste seines Mechanikers Saniez".

Ich schliesse dieses Kapitel mit zwei Briefauszügen, die uns diese Persönlichkeit noch näher bringen.

Brief vom 3. Mai 1917 an Onkel Glur:
"Als ich am Morgen über meine alte Heimat flog, sind mir so viele alte Erinnerungen aufgetaucht. Ich sah den Friedhof so weit unter mir liegen, so dass ich Tränen vergossen habe. Ich hätte nicht lange über Langenbruck kreisen können".

Und der Tante Glur in Liestal schrieb er am 31. Oktober 1918:
"Ich kann Dir sagen, ohne diesen Glauben hätte ich nicht fliegen können. Als ich 1913 meine grossen Flüge ausführte, habe ich wie die alten Eidgenossen gebetet. Ich habe dabei oft schlaflose Nächte verbracht. Als ich nach Mailand reiste, um den Landeplatz zu rekognoszieren, war ich im Dom und habe gebetet, dass mir der Flug gelingen möchte".

Film zum 50ig jährigen Gedenken